weisegedanken
Gedicht

An den Leser

Friedrich Theodor von Vischer

Mag das Lied, das alte, graue, Immerhin den Vortritt haben! Wer verliebt in's Himmelblaue, Mag sich anderswo erlaben. Ja noch dunklere Gestalten, Sind auch Lichtungen dazwischen, Wo die heitern Farben walten, Werden in den Zug sich mischen. Trübe hat der Most gegoren, Frische Milch ward schnell zu Molke, Auf des Morgens goldnen Thoren Lag die schwere, schwarze Wolke. Ob der Most noch Wein geworden, Ob noch rein die Milch geflossen, Ob durch düstre Wolkenhorden Siegend noch das Licht geschossen: Dieses künftighin Vergangne Kann in seinen Finsternissen Der umhangne, traumbefangne Dichter jetzt und einst nicht wissen. Sprich ihn drum nicht gar zu schuldig, Der du ja um viel gescheidter, Lieber Leser, sei geduldig Und lies eben weiter, weiter!Friedrich Theodor von Vischer (1807 - 1887), deutscher Philosoph, Lyriker, Erzähler und Ästhetiker