weisegedanken
Gedicht

An die Mutter

Jan Neruda

Kennst, teure Mutter, du die schöne Fabel, wie stets der Sonnengott zur Mutter fliegt, die jede Nacht in ihrem welken Schoße den wegemüden Sohn in Schlummer wiegt? Muß er doch tagelang die Welt durchirren, hat doch der Arme längst der Fahrt genug durch graue Nebel, Wetter, düstre Wolken, ach, fast so viel als je ein Mensch ertrug. Er legt als Greis sich und ersteht als Jüngling und strahlt mit neuer Kraft durchs Morgenrot – O Mutter, Mutter, voller Engelsgüte, – ich hab' es so wie diese Sonne not!Jan Neruda (1834 - 1891), tschechischer Schriftsteller, Journalist, richtungweisender Feuilletonist und bedeutender Lyriker