weisegedanken
Gedicht

Das taube Mütterlein

Friedrich Halm

Wer öffnet leise Schloß und Tür? Wer schleicht ins Haus hinein? Es ist der Sohn, der wiederkehrt Zum tauben Mütterlein. Er tritt hinein! Sie hört ihn nicht, Sie saß am Herd und spann. Da tritt er grüßend vor sie hin, Und spricht sie: "Mutter" an! Und wie er spricht, so blickt sie auf, Und – wundervoll Geschick – Sie ist nicht taub dem milden Wort, Sie hört ihn mit dem Blick! Sie thut die Arme weit ihm auf, Und er drückt sich hinein; Da hörte seines Herzens Schlag Das taube Mütterlein. Und wie sie nun beim Sohne sitzt So selig, so verklärt – Ich wette, daß taub Mütterlein Die Englein singen hört.Friedrich Halm (1806 - 1871), eigentlich Eligius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen, österreichischer Dramatiker, Lyriker, Novellist und Intendant des Hoftheaters