weisegedanken
Gedicht

Das weiße Fräulein.

Alberta von Puttkamer

Es schlummert das Gregoriental in tiefem Blumenschnee; wie Silberkrönlein blitzen zumal Maiblumen, Veiel und Klee. Der Mond scheint bergesüber herein – nun tropfen die Wälder von Licht; es fließt wie ein fremder Heil'genschein über den Landen dicht... Ein Burggemäuer hängt an der Firn, dort senkt der Pfad sich sacht; und wie in heimatlosem Irr'n tastet wer in die Nacht – Zu Tale schwebt die feine Gestalt mit ungehörtem Schritt, und durch den mondesbeleuchteten Wald wandelt ein Singen mit... Es steht wie ein lachendes Warten auf Glück um die Lippen der süßen Frau; sie sucht in die Ferne, sie schaut nicht zurück, sie tritt auf die Maienau. Da rauscht ein Brünnlein mit zartem Getön, sie setzt sich auf seinen Rand. Die Tropfen gleiten ihr perlenschön über die zitternde Hand – Es löst das seltsame, hohe Weib all ihrer Gewänder Pracht, und neigt sich, und badet den blendenden Leib im Brunnen verstohlen sacht... Dann tut sie ihr jaspishelles Kleid und Spangen und Kettlein an, als rüste sie sich zu bräutlicher Zeit und fühlte die Wonne nah'n … Wie glasgesponnene Fäden fließt ihr Ringelhaar, das sie strählt; und von der sternhellen Aue liest sie Maiblumen ungezählt... Sie heftet die duftenden an ihr Kleid, und flicht sich ein Krönlein und lacht – spähend und harrend schaut sie weit in die Mondesmitternacht. Und leuchtend das Land, und silbern der Wald, Maiblumengleich die Au', und weiß umrinnt das Licht die Gestalt der weißen harrenden Frau. Sie singt nicht mehr – sie starrt weithin, als ob sie durch Himmel und Land ein Liebstes suchte mit fieberndem Sinn, das sie doch nimmer fand... Dann wendet sie sich – die Luft wird fahl, die Sterne schwinden im Grau; es fallen des Morgens Tränen zu Tal, in die silbernen Knospen der Au'. Und sie sucht den blassen Pfad im Wald, muß heim zu Burg und Bann; die arme, rührende Lichtgestalt hebt leise zu schluchzen an. Das funkelnde Kleid verfärbt sich in Grau – es löst sich der Maienkranz; und blumenlos entwandelt die Frau – zu Tränen ward der Glanz... So sucht alle Nacht die Sehnsucht den Steg zum fernen, leuchtenden Glück – mit Singen und Lachen hebt an ihr Weg, und schluchzend kehrt sie zurück.Alberta von Puttkamer (1849 - 1923), deutsche Dichterin