Ein Gotenknecht im Apfelbaum Träumt einen jungen Wandertraum. Er hält das Bild der Kaiserin Und schaut zum Waldgebirge hin. Dort, wo am duftgen Horizont Die Frühlingssonne wärmer sonnt, Wo blauer strahlt des Himmels Blau, Dort liegt der benedeite Gau, Dort thront die wunderbare Stadt, Die Ruhm und üppige Frauen hat. Sein Auge netzt ein Tränenstrom, Und seine Lippen lallen "Rom". In einer grauen Regennacht Hat er sich heimlich aufgemacht, Und unaufhaltsam weiter flieht Sein Fuß, wohin das Herz ihn zieht. Er leidet Hunger, Durst und Not, Gefahr aus allen Büschen droht; Er nimmt es alles für Gewinn Und küßt das Bild der Kaiserin. In Ravensburg von ungefähr Lag stationiert ein römisch Heer. Sie peitschten ihn zum Anbeginn Und schenkten ihn der Kaiserin. Die hörte staunend und gerührt Den Eros, der ihn hergeführt. Sie hat ihn huldvoll angeblickt Und zu den Bestien hingeschickt. Am Kreuze hing der Gotenknecht. Warum nicht? Das ist römisch Recht. Ein Bär zerfleischte seine Brust. Da hast du römische Sinnenlust.Carl Spitteler (1845 - 1924), Pseudonym: Carl Felix Tandem, Schweizer Dichter und Romanautor, Nobelpreisträger für Literatur 1919 (verliehen 1920)