weisegedanken
Gedicht

Der Verlust

Ida Hahn-Hahn

Gieb mir meine Seele wieder, Du, der sie gefesselt hält Am gebrochenen Gefieder, Einsam, still in deiner Welt. Gieb mir die Gedanken wieder, Die sich ewig zu dir wenden, Ohn' zu ruhen, ohn' zu enden, Immer wogend auf und nieder. Alles ist mir untergangen, Selbst die holde Poesie, Die mich trostreich sonst umfangen Und dem Schmerz die Thräne lieh. Alles ist mir untergangen Mit dem lieben, süßen Sterne, Der nun zieht in weiter Ferne, Und der einzig mein Verlangen. Als ich hoffte, konnt' ich singen, – Kann doch Ros' im Winter blüh'n, Sonne durch die Scheiben dringen, Ihr verkündend Sommers Glüh'n! – Doch jetzt kann ich nimmer singen, Hoffnung, Muth sind mir gebrochen, Still ist meines Herzens Pochen Und geknickt die kühnen Schwingen.Ida Hahn-Hahn (1805 - 1880), Ida Gräfin von Hahn, eigentlich Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn, mitunter fälschlich: von Hahn-Hahn, deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin