weisegedanken
Gedicht

Die Nachtigall

Paul Verlaine

Gleichwie eine kreischende Schar von jungen Vögeln stürzen Erinnerungen raschelnd herab durch die welken Blätter des herbstenden Herzens. Gebeugt vom Wetter der Leidenschaften, spiegelt der Baum den Stamm im Bache der Reue, der traum- verloren leis rauschend weiter rinnt. Ein feuchter Hauch steigt auf und spinnt ein sanftes Nebeln von Ast zu Ast. Nun hör ich bebender Lauscher fast kein Rauschen mehr, nur das schluchzende Lied des Vogels, der mit der Jugend schied. Er ruft die Verlorne. Sein schmelzender Schlag ist so silberrein wie am ersten Tag. Der Mond erhebt sich still und bleich, und die Nacht, so sommerschwül und weich von Schwermut, wiegt den fröstelnden Baum und wehend den weinenden Vogel in Traum . . . (übers. v. Richard Schaukal)Paul Verlaine (1844 - 1896), französischer Lyriker, hatte enge Verbindung zum Bohème-Milieu, vagabundierte mit A. Rimbaud 1871-73 durch Nordfrankreich, England und Belgien