weisegedanken
Gedicht

In der Maienfrühe

Heinrich Leuthold

Lang seufzt ich vergebens, es war mir im Drang und Unmut des Lebens verstummt der Gesang. Nun bauen die Sänger des Waldes ihr Nest, nun halten mich länger die Sorgen nicht fest. Die Sorge, die eisig, das Herz mir umschnürt, hat alle der Zeisig und Buchfink entführt. Welch üppiges Blühen in Wald und Geheg! Die Qualen und Mühen, nun jauchz' ich sie weg. Früh auf aus dem Bette, durch Wald und Gesträuch… Ich pfeif um die Wette, ihr Vögel, mit eich! Ich singe und pfeife, so wie mir's gefällt, durchschwärme, durchstreife die lachende Welt. Und sättige wieder des Herzens Begier… Auch hab' ich ja Lieder und Flügel wie ihr!Heinrich Leuthold (1827 - 1879), Schweizer Dichter und Epiker, Mitglied des Münchner Dichterkreises und Übersetzer französischer Lyrik