weisegedanken
Gedicht

Meiner Mutter

Gustav Falke

Du warst allein, ich sah durchs Schlüsselloch den matten Schein der Lampe noch. Was stand ich nur und trat nicht ein? Und brannte doch, und war mir doch, es müßte sein, daß ich noch einmal deine Stirne strich und zärtlich flüsterte: Wie lieb ich dich! Die alte böse Scheu, dir ganz mein Herz zu zeigen, sie quält mich immer neu. Nun lieg ich durch die lange Nacht und horche in das Schweigen - ob wohl dein weißes Haupt noch wacht? Und einmal hab ich leis gelacht: Was sorgst du noch, sie weiß es doch, sie hat gar feine Ohren, ihr geht von deines Herzens Schlag, obwohl die Lippe schweigen mag, auch nicht ein leiser Ton verloren.Gustav Falke (1853 - 1916), deutscher Lyriker und Kinderbuchautor