Der lichte Tag ist heimgezogen Ins graue Meer vergang'ner Zeit. Wie vieler Glück, wie manches Leid Versinkt mit ihm in jene Wogen. Nun ist die Nacht herabgesunken, Ums stolze Haupt den Strahlenkranz, Den Schleier webt der Mondesglanz, Aus ihrem Mantel sprühen Funken. Wie geisterhaft das Mondlicht zittert Und mit den nächt'gen Schatten ringt. Ein gold'nes Märchen, leichtbeschwingt Schlüpft's durch die Zweige, zartgegittert. O Sommernacht unnennbar schöne! Du scheuchst mit rätselhafter Macht Aus dem Gemüt die trübe Nacht Berührst dort niegeahnte Töne! Man lernt das Herz nie selbst verstehen, Wenn Tagsgeräusch es wild erregt – Von nächt'gem Schweigen mild bewegt Läßt es uns seine Tiefe sehen.E. Marlitt (1825 - 1887), Pseudonym für Friederieke Henriette Christiane Eugenie John, deutsche Schriftstellerin