weisegedanken
Gedicht

Schöner Monat Mai, wie gräßlich

Joseph Victor von Scheffel

Sind dem Kater deine Stunden, Des Gesanges Höllenqualen Hab' ich nie so tief empfunden. Aus den Zweigen, aus den Büschen Tönt der Vögel Tirilieren, Weit und breit hör' ich die Menschheit Wie im Taglohn musizieren. In der Küche singt die Köchin, Ist auch sie von Lieb' betöret? Und sie singet aus der Fistel, Daß die Seele sich empöret. Weiter aufwärts will ich flüchten, Auf zum luftigen Balkone, Wehe! – aus dem Garten schallt der Blonden Nachbarin Kanzone. Unterm Dache selber find' ich Die gestörte Ruh' nicht wieder, Nebenan wohnt ein Poet, er Trillert seine eignen Lieder. Und verzweifelt will ich jetzo In des Kellers Tiefen steigen, Ach! – da tanzt man in der Hausflur, Tanzt zu Dudelsack und Geigen. Harmlos Volk! In Selbstbetäubung Werdet ihr noch lyrisch tollen, Wenn vernichtend schon des Ostens Tragisch dumpfe Donner rollen!Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886), Joseph Victor Scheffel, ab 1876 von Scheffel, deutscher Schriftsteller und Dichter