weisegedanken
Zitate zum Nachdenken

Sterne

Über uns die Sterne – seit jeher Projektionsfläche für Schicksal, Sehnsucht und die großen Fragen. Kant nannte den bestirnten Himmel im gleichen Atemzug mit dem Sittengesetz, und Dichter wie Rabindranath Tagore lasen aus ihm Trost für dunkle Stunden. Ob als Sinnbild des Unerreichbaren oder als leiser Wegweiser: Die folgenden Zitate zeigen, wie viel Menschliches wir in das ferne Funkeln legen. Sie laden ein, den Blick zu heben und im Kleinen wie im Kosmos nach Orientierung zu suchen.

Ausgewählte Zitate
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Die Sterne fürchten sich nicht, wie Leuchtkäfer zu erscheinen.

Rabindranath Tagore Tagore, Verirrte Vögel (Stray Birds), 1916; hier übersetzt von Helene Meyer-Franck. [48]0 ✓ Quelle geprüft
DeutungGröße schämt sich ihrer Bescheidenheit nicht. Aus riesiger Ferne wirken die Sterne winzig wie Leuchtkäfer, doch sie fürchten diesen Anblick nicht – Tagores Bild ermutigt, den eigenen Wert nicht am äußeren Maß zu messen und auch klein erscheinen zu dürfen, ohne kleiner zu sein.
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Große Sterne sieht man auch, wenn der Mond scheint.

Maxim Gorki Gorki, Italienische Märchen, 1906-130 ✓ Quelle geprüft
DeutungWahre Größe verschwindet nicht im Glanz eines anderen. Selbst wenn der Mond den Himmel überstrahlt, bleiben die großen Sterne sichtbar – ein Bild dafür, dass echtes Format sich auch neben dem Mächtigeren behauptet.
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Wie schimmernde Tränen sind die Sterne durch die Nacht gesprengt; es muß ein großer Jammer in dem Aug sein, von dem sie abträufelten.

Georg Büchner Büchner, Dantons Tod, 1835. Originaltext0 ✓ Quelle geprüft
DeutungIn diesem düsteren Bild werden die Sterne zu Tränen eines unermesslichen Schmerzes. Büchner verkehrt das vertraute Sinnbild der Hoffnung ins Melancholische: Der funkelnde Himmel zeugt nicht von Trost, sondern von einem Jammer, so groß, dass er den ganzen Nachthimmel besprengt.
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Da seh’ ich hinauf zu den schönen Sternen! O ihre geschlossenen Lippen haben mehr Worte für mein Herz, als wenn die Welt ihren ganzen Rachen öffnet.

Julie Eyth Eyth, Bilder ohne Rahmen. Aus den Papieren einer Unbekannten mitgetheilt – nicht von ihr selbst, 8. Auflage 1894 (EA: 1852) (anonym)0 ✓ Quelle geprüft
DeutungDer Blick nach oben wird hier zum Zwiegespräch ohne Worte. Gerade das Schweigen der Sterne, ihre „geschlossenen Lippen“, sagt dem Herzen mehr als das laute Getöse der Welt. Wahre Nähe, so klingt es an, findet sich eher in der Stille als im geöffneten „Rachen“ des Alltags.
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Gegen der Erde Leid gibt es keinen andern Trost, als den Sternenhimmel.

Jean Paul Hoddick (Hg.), Aphorismenschatz der Weltliteratur. Weltliche Texte für Rede und Schrift, 18980 ✓ Quelle geprüft
DeutungGegen das irdische Leid kennt Jean Paul nur einen Trost – den Blick zum Sternenhimmel. Das Unermessliche über uns rückt das eigene Elend ins Verhältnis und öffnet einen Horizont, in dem der Schmerz zwar nicht verschwindet, aber aufgehoben scheint.
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Wenn das die Sternenkunst ist, will ich froh Zu diesem heitern Glauben mich bekennen. Es ist ein holder, freundlicher Gedanke, Daß über uns, in unermeßnen Höhn, Der Liebe Kranz aus funkelnden Gestirnen, Da wir erst wurden, schon geflochten ward.

Friedrich von Schiller Schiller, Wallenstein (Trilogie), entstanden 1796-1799; Erstdruck 1800. Die Piccolomini, 1799. 3. Akt, 4. Auftritt, Thekla0 ✓ Quelle geprüft
DeutungHier wird die Sternendeutung zum tröstlichen Glauben verklärt: der Gedanke, dass über uns schon ein „Kranz aus funkelnden Gestirnen“ geflochten war, als wir zu leben begannen. Die Vorstellung einer vorbestimmten, liebevollen Ordnung nimmt dem Zufall seinen Schrecken und legt einen Sinn über das eigene Werden.
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Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der Menschen, infolge welcher sie alles auf sich beziehen und von jedem Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehen, liefert die Astrologie, welche den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien. Dies aber ist zu allen und schon in den ältesten Zeiten geschehen.

Arthur Schopenhauer Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, 2 Bde., zweite vermehrte Auflage 1862 (EA: 1851). Erster Band. Aphorismen zur Lebensweisheit. Kapitel 5: Paränesen und Maximen0 ✓ Quelle geprüft
DeutungScharf rechnet Schopenhauer mit der Astrologie ab: Sie sei der Gipfel menschlicher Selbstbezogenheit, weil sie den Lauf gewaltiger Weltkörper auf das winzige eigene Ich bezieht. Dass Menschen sogar die Kometen mit ihren irdischen Händeln verknüpfen, gilt ihm als Beweis, wie unweigerlich der Mensch alles auf sich zurückbiegt.

Über Sterne

Sterne haben die Menschen seit jeher zum Staunen gebracht. Als ferne Lichter in der Dunkelheit sind sie Sinnbild für Sehnsucht und Hoffnung, für Orientierung und das Unerreichbare. In deutschen Betrachtungen erscheinen sie mal als tröstliche Wegweiser, mal als Zeichen einer höheren Ordnung, mal als stille Zeugen menschlicher Kleinheit vor der Weite des Alls. Zwischen Wissenschaft und Poesie, zwischen Schicksalsglaube und Andacht bewegt sich dieses zarte, nächtliche Motiv.

Die Auswahl ist klein, aber von großer poetischer Dichte. Friedrich von Schiller lässt die Sterne als untrügliche Zeichen sprechen („Die Sterne lügen nicht”), Peter Hille nennt sie „Gottestänzer”, und Georg Büchner findet in ihnen das Bild schimmernder Tränen. Marie von Ebner-Eschenbach mahnt, über dem lauten Feuerwerk den stillen Sternenhimmel nicht zu übersehen, während Rabindranath Tagore und Maxim Gorki das Kleine gegen das Große stellen. Arthur Schopenhauer, Marc Aurel und der französische Aphoristiker Jules Renard fügen nachdenkliche und kunstvolle Stimmen hinzu.

Wer hier liest, findet keine ausufernde Sammlung, sondern ausgesuchte Verse und Aphorismen für stille, nächtliche Stunden – passend für Gedanken über Sehnsucht, Abschied, Trost und Bewunderung. Der Bogen reicht von der stoischen Betrachtung Marc Aurels aus der Antike über die Klassik Schillers bis in die Moderne, in der die Sterne ihr Geheimnis bewahren und uns an das Große jenseits des Alltäglichen erinnern.